Von Pippi bis Pomperipossa- Spurensuche zu Leben und Werk von Astrid Lindgren.
Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren starb 2002 im Alter von 94 Jahren. In den Büchern und Geschichten ihrer vielen liebenswerten Kinderbuchgestalten lebt sie unvergessen weiter. Auch ihr gesellschaftliches und politisches Engagement wirkt bis heute nach. Die Journalistin Katrin Hörnlein trägt in ihrem Buch Einnerungen an die Schriftstellerin zusammen, die sie in Begegnungen mit Familienangehörigen, Freunden und Weggefährten, an Orten und Stationen im Leben Lindgrens gesammelt hat.
Respektvolles Erinnern und Nachlassbewahren
Die Dalagatan 46 in Stockholm ist einer dieser Orte. Die Wohnung im 1. Stock war über 60 Jahre die Heimat von Astrid Lindgren. Dort lebte und arbeitete die Autorin, zu Beginn mit der Familie, später für sich. Hier entstanden auch viele ihrer Bücher. In der Dalagatan scheint heute die Zeit stehen geblieben zu sein. Nach Astrids Tod beschlossen ihre Angehörigen, die Wohnung weitgehend unverändert zu lassen und sie für Besucher zugänglich zu machen. So bekommt man bei einem Gang durch die Räume einen berührenden Eindruck des Alltags der Schriftstellerin zu Lebzeiten.
Die Lindgren-Nachfahren wachen streng über den Nachlass der Autorin. In Form der Astrid Lindgren Company (ALC) kümmern sie sich um das Werk Astrids. Bis in die Generation der Urenkel arbeiten Familienmitglieder zusammen mit einer Crew enger Mitarbeiter an der Verwaltung und Bewahrung des Besitzes und geistigen Erbes Lindgrens. Behutsam wird festgelegt, wie die Geschichten, Astrids Vorstellungen entsprechend, zeitgemäß gehalten werden, damit sie in der neuen Medienwelt Kinder weiterhin erreichen können. Auch über Anfragen zu Urheberrechten oder Merchandising-Strategien wird hier entschieden.
Von Småland in die weite Welt
Die ALC ist ebenfalls Betreiberin der Astrid Lindgren Welt, einem Freizeitpark in Vimmerby, dem Geburtsort Astrids, und einem Museum auf Näs, dem elterlichen Bauernhof. In ihrer Heimat, dem Småland, mit seiner damals unberührten Natur, ein heute „entschwundenes Land“, das zum Vorbild vieler Schauplätze ihrer Bücher wurde, bleiben die Erinnerungen an eine mit grenzenlosem Spielen angefüllte, liebevolle Kindheit lebendig. Als Ursprung der Naturverbundenheit und persönlichen Stärke Astrid Lindgrens. Der Wunsch mit ihren Geschichten, kindliche Leser*innen Geborgenheit und Glückseligkeit erleben zu lassen, entspringt der eigenen Biographie. Denn mit nur 18 Jahren schwanger geworden, endete für Lindgren das Leben im Kreis der Familie vorschnell, als sie das geliebte Vimmerby verließ und ihren Sohn unehelich zur Welt brachte. Die Erfahrungen aus der schmerzvollen Zeit der Entbehrung und Trennung, die dessen Kindheit überschatteten, bis nach Heirat und der Geburt einer Tochter endlich ein gemeinsames Leben als Familie möglich wurde, finden sich in ihren Texten wieder.
Ein Leben für die Familie und die Bücher
Astrid Lindgrens Talent zum Schreiben zeigte sich schon als Zeitungspraktikantin in Vimmerby. Ihre schriftstellerische Karriere begann jedoch erst in der Zeit als verheiratete Frau und Mutter. Zum Startschuss wurde der Gewinn bei einem Wettbewerb 1944. Das Erscheinen von Pippi im Jahr darauf brachte den Durchbruch und war der Beginn eines Wegs, der sie mit 75 veröffentlichten Romanen und Bilderbüchern, zur weltweit meistgelesenen und vielfach ausgezeichneten Kinderbuchautorin werden ließ. Jahrzehntelang war die Schriftstellerin zudem in ihrem schwedischen Heimatverlag auch für das Ressort Kinderbuch zuständig. Sämtliche Entscheidungen, die ihr eigenes Werk betrafen, fällte Astrid selbst oder erbat sich Mitspracherecht.
Mit dem Erfolg wurde Astrid Lindgren zur öffentlichen Person, beliebt, verehrt und respektiert besonders von ihren Landsleuten, einschließlich des Königshauses. Ihre Meinung zu aktuellen Belangen war gefragt und sie bezog nachdrücklich Stellung zu Themen, die ihr wichtig erschienen. Mit ihrem Märchen über die Kinderbuchautorin Pomperipossa kritisierte sie die Steuerpolitik Schwedens oder weckte mit Zeitungsartikeln das Bewusstsein für das Leid der Massentierhandlung. Internationale Resonanz erlangte sie durch ihre Rede Nie Gewalt, anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1978. Darin forderte sie bewegend „Klärek“- Liebe in der Beziehung zu Kindern und verurteilte rigoros jegliche Form körperlicher Züchtigung. Nach Astrids Tod trauerte ganz Schweden. Am Tag ihres Begräbnisses, dem 8. März, am Weltfrauentag, säumten Zehntausende die Straßen von Stockholm.
Sensible Persönlichkeits-Skizze
Katrin Hörnlein ist Redakteurin der Wochenzeitung „Die Zeit“ und dort für den Bereich der Kinder- und Jugendliteratur verantwortlich. Sie ist Astrid Lindgren persönlich nie begegnet. Ihre Wertschätzung und die aufrichtige Bewunderung liest man zwischen den Zeilen jedoch sehr deutlich heraus. Mehr als zwanzig Jahre nach dem Tod Lindgrens entstand ihr Buch als Versuch, das Bild der großen Schwedin durch neu gesammelte Details zu ergänzen. Aus dem, in Gesprächen gewonnenen, breitgefächerten Wissen sowie aus den Fakten der Recherchen vor Ort entsteht ein facettenreiches Porträt der einzigartigen Persönlichkeit Astrid Lindgrens. Familienmitglieder, die Kinder der Illustratoren oder die Pippi-Darstellerin der Filme sind nur einige der vielen Personen, deren Erinnerungen Hörnlein aufgreift und mit anschaulicher Darstellung relevanter Schauplätze der Lindgren-Biographie kombiniert. Sie verflechtet bekannte Ereignisse mit bisher eher unbekannten Aspekten, spart schwieriges Geschehen nicht aus, ohne persönliche Grenzen einer Autorin zu überschreiten, die Privates selbst nicht in die Öffentlichkeit trug. Der anekdotenhafte Schreibstil der Journalistin erscheint weit beschaulicher als das unkonventionelle Erzählen Lindgrens. Die detailverliebte Beschreibung wird streckenweiser zur Fleißarbeit, die jedoch in Gänze überzeugt. Hörnlein bringt ihren Leser*innen feinfühlig Astrid, die Person, nahe. Viele stimmig ausgewählte Fotos ergänzen den- treffend im deutschen Lindgren-Verlag Oetinger veröffentlichten- Band.
Krummelus und die Kostbarkeit der Kindheit
Astrid Lindgren zeigte sich zeitlebens der Tochter eines Knechts äußerst dankbar, da diese ihr als kleinem Mädchen von etwa fünf Jahren zum ersten Mal ein Märchen vorgelesen hatte und sie auf diese Weise mit der Welt der Literatur in Berührung brachte. Astrid wurde und blieb bis ins Alter eine leidenschaftliche Leserin. Als das Schreiben dazu kam, empfand sie das Erfinden eigener Geschichten vergleichbar herrlich. Ihre Liebe galt vor allem den Kindern und in erster Linie für sie schrieb sie. Astrid schrieb dabei auch für das ewige Kind in ihr selbst. Denn, als ob die Krummelus-Pillen von Pippi ihre Wirkung zeigen würden, bewahrte sie sich als Erwachsene eine Kindlichkeit, die sie Kinder verstehen ließ und eine besondere Beziehung zu ihnen möglich machte. Zusammen mit dem riesengroßen Lesevergnügen ihrer Bücher, bieten die starken Figuren Identifikationsflächen und vermitteln kindliches Selbstbewusstsein und Selbstwert. Mit ihrem feinen Humor, ihrer Klugheit und ihrer eigenen einnehmend, bestimmenden Art legte sie auch in der realen Welt ihr Veto für Themen ein, die sie schon vor der Zeit als bedeutsam erkannte. Astrid Lindgren wollte und konnte Brutalität und Machtmissbrauch in jeglicher Form einfach nicht hinnehmen. Eine Stimme die, in der aktuellen Gegenwart, zweifelsfrei guttäte.
Fazit
Katrin Hörnleins Buch liest sich als spannende, literarische Spurensuche, deren Fundstücke sich mosaikartig zu einem Bild des vielseitigen Charakters einer starken wachen Frau zusammenfügen und den Reichtum des literarischen Werks Astrid Lindgrens eindrucksvoll darlegen. Mit dem Resumèe Eine wie sie fehlt in dieser Zeit verknüpft sichdankenswerter Weise kein Verharren im Bedauern, denn durch ihre Bücher ergreift die wundervolle Autorin anhaltend geschriebenes Wort zu brennenden Themen unserer Zeit.

Deine Meinung zu »Eine wie sie fehlt in dieser Zeit«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!